Wissenschaft

Zeitzeugeninterviews als Quelle?
Herausforderung an die Geschichtswissenschaft

Jean Piaget wächst mit der lebhaften Erinnerung auf, dass er im Alter von zwei Jahren beinahe entführt worden wäre. Immer wieder sieht er einen Mann, der ihn bedroht, sein Kindermädchen, das ihn tapfer verteidigt, und ihr Gesicht, das in dem sich ergebenden Handgemenge zerkratzt wird. Erst als er 15 Jahre alt ist, stellt sich heraus, dass das Kindermädchen sich die ganze Geschichte nur ausgedacht hatte. Obwohl Piaget jahrelang fest davon überzeugt war, das Ereignis genau zu erinnern, war es doch nur eine Fiktion.

Die Geschichte des berühmten Schweizer Psychologen zeigt, wie problematisch Zeitzeugenerinnerungen als Quelle zu behandeln sind. Sie bieten keinen objektiven Blick in die Vergangenheit, sondern zeigen eine vielfach gefilterte und von zahlreichen Einflüssen verzerrte Sicht auf die Geschichte.

Das menschliche Gedächtnis funktioniert nämlich nicht wie ein sorgsam geordnetes Bilderalbum, in dem Erinnerungen unverändert und unverrückbar „eingeklebt“ sind. Vielmehr werden unsere Wahrnehmungen auf sehr komplexe Weise vom Gehirn gefiltert, in Einzelteile zerlegt und dann – wenn wir uns erinnern – wieder zusammengesetzt. Unsere Erinnerung gleicht also mehr einem Haufen von einzelnen Fotografien, die – einem Puzzlespiel gleich – immer wieder neu zusammengesetzt werden müssen. Und diese Rekonstruktion entspricht nur in den seltensten Fällen ihrem ursprünglichen Input.

Dabei beeinflussen eine Vielzahl von Faktoren den Prozess der Wahrnehmung, Speicherung und Abrufung. So werden eigene Erinnerungen auch mit späteren Geschehnissen oder Erzählungen Dritter vermischt und je häufiger sie abgerufen werden, desto mehr können sie sich im Lauf der Zeit verändern. Nicht umsonst wird dasselbe Ereignis von mehreren Personen meist ganz unterschiedlich memoriert.

Die moderne Erinnerungsforschung interessiert sich vor allem für die Art und Weise, wie Zeitzeugen ihre Erlebnisse rekonstruieren, was Jahrzehnte danach berichtet und was weggelassen, was sachlich geschildert und was emotional ausgeführt wird. So versucht man einer übergreifenden Grammatik der Erinnerung nachzuspüren, die die deutsche Erinnerungskultur prägt und etwas darüber aussagt, wie sich unsere Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit beschäftigt.

Trotz aller Fehlerhaftigkeit des menschlichen Gedächtnisses bleiben Zeitzeugen allerdings wichtige Quellen für die Rekonstruktion historischer Ereignisse. Eine angemessene Quellenkritik vorausgesetzt helfen uns Zeitzeugenerinnerungen vor allem in jenen Bereichen etwas über die Vergangenheit zu erfahren, in denen es nur wenige schriftliche Überlieferungen gibt. Man denke nur an die Geschichte des Widerstandes im Dritten Reich oder des Holocaust. Und sie ergänzen andere Quellen geradezu ideal, indem wir durch sie soziale Netzwerke besser verstehen und beispielsweise das Innenleben von Institutionen besser erfassen können.

Die moderne Geschichtswissenschaft hat ein differenziertes Bewusstsein dafür geschaffen, wie mit Zeitzeugenberichten quellenkritisch operiert werden sollte. Bei der Rekonstruktion von Ereignis und Erinnerung sind sie – je nach Fragestellung – nach wie vor von unschätzbarem Wert.

Prof. Dr. Sönke Neitzel (Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats)

Downloads

Almuth Leh: Forschungsethische Probleme der Zeitzeugenforschung (2000)

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Holger Möhlmann: Der Zeitzeuge im deutschen TV-Journalismus (2010)

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Marc. J. Philipp: Zeitzeugenerinnerungen an den Nationalsozialismus (2010)

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Alexander von Plato: Zeitzeugen und die historische Zunft (2000) 

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Harald Welzer: Die Medialität des menschlichen Gedächtnisses (2008) 

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Literaturtipps und Links

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